WIE DAS REIMEN IN DIE WELT KAM

eIN mÄRCHEN

Vor gar nicht mal allzu langer Zeit besuchte ein kleines Echo die Echo-Schule, so wie es eben seit alters her alle kleinen Echos tun. Es war von schneller Auffassungsgabe und hatte Freude am Lernen. Besonders gern aber mochte es die Klangkunde: Die Lautklassen - Klang, Geräusch, Schall, Ton, Krach, Lärm, Radau und Rabbatz - lernte es schneller als jedes andere Echo zuvor. Besonders aber hatten es ihm die leisen Nuancen angetan, wie Hauchen, Säuseln, Wispern, Raunen, Rauschen, Rascheln und Zirpen.

 

So oft wie möglich stahl es sich von seinen Schulkameraden und -kameradinnen davon und flog auf die höchsten Gipfel, um dort den Gesang eines hauchzarten Windes oder das Reiben eines luftigen Sommerwölkchens am Horizont nachzuahmen. (Leider sind diese Geräusche so fein, dass ich eine besondere Schrift bräuchte, um sie darzustellen. Eine, die so winzig wäre, als sei eine klitzekleine Menge Puder von einem seidigen Babypopo auf das Papier gerieselt. Aber so eine Schrift gibt es natürlich nicht.) Manchmal machte es ihm auch Spaß, das ohnehin schon beeindruckende Getöse eines Gewitters zu verdoppeln.

 

Doch eines Tages erschrak das kleine Echo: Unten im Tal, bei diesen Zweibeinern, war eine große Unruhe entstanden. Einer, der besonders groß und wild war, stand auf und rief „Wir sollten sie alle töten!“, und die Schüler der Echo-Schule vertausendfachten den Schall, so, wie sie es gelernt hatten: „... sie töten, töten, öten, ten …“

 

Das kleine Echo aber schwieg. Es wollte einfach nicht, dass diese bösen Worte auch noch wiederholt wurden. Falls Echos eine Stirn haben, so hat die Echo-Lehrerin diese sicher darüber gerunzelt.

 

Als nächstes sprangen drei Zweibeiner auf, schwangen ihre Keulen in der Luft und johlten: „Fackeln wir sie ab!“ Und die Echos grölten getreulich nach: „ab ab ab ...“

 

Das kleine Echo aber schwieg - und handelte sich einige schmerzhafte Tatzen ein.

 

Als die Zweibeiner schließlich einen wilden Tanz um das Feuer begannen und dabei Dinge kreischten wie „Legen wir sie um! Legen wir sie um!“, da murmelte das kleine Echo ganz leise: „Wie dumm dumm dumm.“

 

Die Lehrerin wurde böse und verordnete Schulausschluss. Also packte das kleine Echo seine Sachen und ging, und es wurde von dem tausendfach verstärkten Gelächter der anderen begleitet.

 

Seltsamerweise war das kleine Echo nicht einmal traurig, sondern versteckte sich an seinem Lieblingsort auf dem Berggipfel und dachte nach. Lange saß es dort und lauschte auf das hässliche Geschrei, das von der Zweibeiner-Siedlung heraufschallte. Die Zweibeiner hatten sich mit diesen spitzen Stöcken bewaffnet, die sie sonst für die Jagd benutzten. Anscheinend bereiteten sie sich darauf vor, bald das Dorf auf der anderen Seite des Tals zu überfallen. Das durfte nicht geschehen! Aber was konnte das Echo schon tun? Es war ja unsichtbar, und noch dazu ganz klein.

 

Trotzdem.

 

Nach einigem Nachdenken fiel ihm ein, dass es durchaus etwas gab, das es gut konnte.

 

Und so änderte das kleine Echo „Schärft die Klingen, brennt sie nieder!“ in „Lasst uns singen Kinderlieder!“ Und „Auf! Auf! In Krieg und Kampf!“ wurde zu „Lauf, lauf, das ist Krampf“.

 

Verwirrt schauten die Zweibeiner sich an und senkten ihre Keulen. Sie fanden auf einmal Freude daran, Worte so zu verändern, dass sie ähnlich klangen, aber doch etwas anderes bedeuteten, nannten es „reimen“ und vergaßen darüber ganz, sich die Köpfe einzuschlagen.

 

Und das aufmüpfige kleine Echo? Das sitzt heute noch allen Dichtern und Dichterinnen auf der Schulter und flüstert, wispert, raunt oder zirpt ihnen Wörter zu. Nur für Kriegsgeschrei, und sei es noch so elegant gereimt, fühlt es sich nicht zuständig.