Die kleine tänzerin

märchen von signe viergutz

Eines Morgens nieste die kleine Tänzerin. Dabei schloss sie ganz kurz die Augen, und als sie sie wieder öffnete, war der große Tänzer nicht mehr da.

Sie stand allein, allein inmitten des Schneegestöbers.

Dabei hatte der große Tänzer immer behauptet, sie würde umfallen, wenn er seine Hände von ihrer Taille nahm, und sie hatte ihm das geglaubt.

Trotzdem war irgendetwas unangenehm. Nicht wegen des großen Tänzers. Etwas anderes.

Fühlte es sich so an, wenn man „fror“?

Sie wusste es nicht. Etwas zu spüren war neu, ganz und gar neu. Soweit sie sich erinnerte, war sie bisher immer einfach nur da gewesen; sie und der große Tänzer, und seine Finger an ihrem Körper. Und jener klitzekleine Unwille gegen das Besitzergreifende dieser Geste.

Jetzt stand sie von ganz allein, inmitten der Schneelandschaft, auf den Zehenspitzen ihres rechten Fußes, und spürte schon wieder etwas: Diese Haltung war auf Dauer unbequem.

Was würde geschehen, wenn sie den linken Fuß von der anderen Wade löste? Tastend setzte sie ihn ab. Es klappte! Sie konnte auf beiden Beinen stehen, genau wie der große Tänzer. Sie konnte es sogar sehr gut. Zur Probe wippte sie ein paarmal in den Knien. Es fühlte sich lustig an. Sie fiel nicht um. Sie versank nicht im Boden.

Der große Tänzer war ein Lügner!

Nachdem dieser Punkt geklärt war, blickte sich die kleine Tänzerin erneut um.

Wie seltsam.

Nicht nur der große Tänzer war weg. Der Schnee, der weich um ihre Füße gelegen hatte, war auch weg. Stattdessen stand sie in einer Pfütze. Ihre zartrosa Stoffschuhe waren nass.

Wie konnte Schnee sich auflösen?

So etwas war noch nie geschehen. Der Schnee, den sie kannte, bestand aus kleinen weißen Körnern, die da blieben, wo sie waren, bis es irgendwann wieder schneite. Sie wurden auch nicht, wie es hier an einigen Stellen geschehen war, schmutzig.

Auch die Schneekörner, die der kleinen Tänzerin um die Nase wehten, lösten sich auf, sobald sie ihre Haut berührten. Das kitzelte! Wieder musste sie niesen. Diesmal achtete sie darauf, die Augen offen zu halten.

Da kam ihr ein Gedanke. Ein furchtbarer Gedanke. Wenn sich Schnee grau verfärben und auflösen konnte - was war dann mit ihr selbst? Schmutz wäre nicht so schlimm. Aber auflösen? War auch der große Tänzer verschwunden, indem er sich aufgelöst hatte, zu nichts als einer Schlammpfütze?

Zitternd führte sie die Arme, die sie bislang in einem sanften Bogen nach oben gehalten hatte, herab und schlang sie um ihren Oberkörper.

Schon wieder fühlte sie etwas: Die Angst war weg. Wofür Arme nicht alles gut waren!

Jetzt, wo sie herausgefunden hatte, dass sich Schnee sehr seltsam verhalten konnte, fiel ihr eine weitere Merkwürdigkeit auf: Dem Schneefall war doch immer ein Beben vorausgegangen. Nur diesmal nicht.

Die Fensterkuppel war auch weg.

Da war nichts um sie herum. Also, nichts, was sie von der feindseligen, gefährlichen, großen bösen Welt abschirmte, wie der große Tänzer sie genannt hatte. Aber der große Tänzer hatte sich schon bei ganz anderen Dingen getäuscht. Das wusste die kleine Tänzerin ja nun.

Nur, um es einmal getan zu haben, drehte sie eine Pirouette. Oh, wie schön das war!

Sie versuchte einen Sprung.

Na gut, bei der Landung rutschte sie aus. Aber der Sprung selbst, der war ihr gelungen. Ziemlich gut sogar! Tanzen bedeutete also tatsächlich mehr, als in der ewiggleichen Position auf einem Fleck zu stehen, auf das Beben zu warten und sich zu fragen, wie viele Schneekörner sich diesmal in den Falten des Tutus verfingen. Nachgeschaut hatte sie natürlich nie, sie musste ja den Kopf gerade halten. Der große Tänzer hatte gesagt …

Ach, sie hatte gar keine Lust mehr, über den großen Tänzer nachzudenken. 

Viel lieber folgte sie diesem leisen Zupfen, oder Ziehen, oder was das war. Jedenfalls etwas, das ihr ganz klar anzeigte, in welche Richtung sie nun gehen musste.

Sie hatte nämlich genug von Kälte und Pfützen. Außerdem war sie sich sicher, dass sie gehen konnte. Warum sollte sie es also nicht tun? Ein, zwei, drei Schritte - das war ja ganz einfach! Sogar hüpfen, rennen und schleichen war drin. All das probierte sie aus, und noch mehr.

Irgendwann stand sie vor einer kleinen Metalltür. Sie wusste, dass sie hindurchgehen musste. Das Zupfen drängte sie dazu.

Hier ist es also, dachte die kleine Tänzerin. Sie war ganz gespannt, was „es“ wohl sein mochte.

Sie drückte die Klinke und trat ein.

Ein Mensch, eine Frau, lief ihr entgegen und umarmte sie. Das war noch etwas, das man mit Armen machen konnte! Der große Tänzer hatte ihr nie gesagt, dass es andere Menschen zum Umarmen gab. 

Aber sie wusste es jetzt. Armer großer Tänzer.

„Giselle“, rief die Frau, „hierhin bist du also verschwunden! Schnell, schnell, die anderen haben sich schon aufgestellt.“

Giselle heiße ich also, dachte Giselle. 

Sie folgte der Frau in eine Kammer, zog ein wunderbar angewärmtes Kleid an und streifte herrlich trockene Schuhe für den Spitzentanz über. Dann folgte sie der Frau hinter die Bühne. Die anderen Tänzerinnen lächelten sie an. 

Giselle wartete.

Der erste Ton erklang.

Der Vorhang hob sich, und der Tanz umarmte sie wie eine lange vermisste Freundin. Und das alles nur, weil sie heute Morgen hatte niesen müssen!