Fenster zu den Sternen

Kurzgeschichte von Signe Viergutz

New York war meine Heimat, und die Vorstellung, in einer langweiligen Vorstadt in einem langweiligen Haus mit langweiligem Rasen zu wohnen, dehnte sich vor mir aus wie ein unendliches Schwarzes Loch.

 

 Ja, es war laut in unserem Block, und es stank, und die Wohnung war viel zu klein, vor allem jetzt, wo das Baby da war, aber wenn ich mich durch diese Luke im Dachboden zwängte (ich passte gerade noch so durch), konnte ich mich auf einen winzigen Vorsprung setzen und auf die Straße hinabschauen und mir vorstellen, all die verrückten Blinklichter der Autos und Ampeln und LED-Werbetafeln wären ein umgedrehter Sternenhimmel.

 

Und deshalb lehnte ich jetzt mit verschränkten Armen am Treppengeländer und weigerte mich, einzusteigen.

 

Mum redete hilflos auf mich ein, Dan setzte dieses unerträglich verständnisvolle „Es ist nicht einfach, Teenager zu sein“-Gesicht auf, und das Baby schlief in seinem Sitz.

 

Ich weiß, ich sollte nicht immer „das Baby“ sagen. Sie heißt Kerry und ist meine Halbschwester, und ich sollte sie süß finden oder lieb haben und so, aber ehrlich gesagt wäre es mir lieber, wenn sie nicht da wäre. Ohne das Baby würde Mum nicht mit Dan zusammenziehen.

 

Natürlich war es albern von mir, so einen Terz zu machen. Selbst mir war klar, dass ich irgendwann einsteigen würde. Es machte aber einfach zu viel Spaß, Dan dabei zuzusehen, wie ihm die Maske der freundlichen Toleranz nach und nach verrutschte, und so beschloss ich, genau in dem Moment nachzugeben, wenn sich die ersten roten Wutflecken an seinem Hals bildeten und er mit den Zähnen zu mahlen begann; ich fand, er sah dann aus wie eine Mischung aus übererregter, halsbekrauster Echse und wiederkäuendem Kamel.

 

Endlich war es soweit und ich stieg achselzuckend ein, als es ob es keine große Sache wäre.

 

Die Autofahrt dauerte ewig. Mum schwärmte aufgeregt von dem tollen Leben, das uns ab jetzt bevorstand: Nett hier und hübsch da, Landhausstil und Rüschen, blablabla. Je näher wir dem Kaff kamen, desto schriller wurde ihre Stimme. Dan hatte seinen komischen Jazz aufgelegt und trommelte „total cool“ mit den Fingern auf dem Lenkrad herum.

 

Ich versuchte, vollständig in meine Kopfhörer hineinzukriechen.

 

Irgendwann bogen wir auf einem Parkplatz ein, um ein paar Burger zu holen, damit wir uns „zu Hause“ gleich aufs Auspacken konzentrieren konnten. Yay. Ich wartete mit dem Baby im Auto und drehte die Scheiben runter (hauptsächlich, weil Dan gesagt hatte, ich solle es nicht tun, wegen der Klimaanlage).

 

Ich war völlig in mein Handy-Spiel vertieft, weil ich gerade mein ganzes Taschengeld für neue Skills ausgegeben hatte, und deshalb schaute ich erst hoch, als der Schatten die Scheibe verdunkelte und die Frau ihre Hand schon durch die Öffnung gesteckt hatte. Sie hielt einen dicken Pinsel umklammert, von dem eine ätzend stinkende Flüssigkeit tropfte, murmelte irgendetwas und versuchte schwankend, dem Baby mit dem Handballen übers Haar zu streichen. Ohne nachzudenken riss ich die Autotür auf, sprang über das Autodach und schubste die Frau zur Seite. Sie stürzte wimmernd, aber das war mit egal! „Bleib von meiner Schwester weg“, brüllte ich, stürmte zurück ins Auto und drückte Kerry fest an mich.

 

Sie begann zu schreien.

 

Mum und Dan brauchten ewig, aber irgendwann beruhigte sich Kerry, und ich schnallte sie in ihrem Sitz fest und ließ die Scheiben wieder hochfahren.

 

Der Pinsel lag noch unterm Beifahrersitz, und die Flüssigkeit hatte ein kleines Loch in den Belag gefressen. Ich öffnete die Tür einen Spalt und warf ihn auf den Asphalt. Vorsichtig schaute ich mich auf dem Parkplatz um, aber die Frau war weg. Natürlich war ich erleichtert, aber irgendwie tat sie mir auch leid.

 

Ich setzte die Kapuze auf, steckte die Hände in die Taschen meines Pullis und vergrub mich im Autositz.

 

Als wir ankamen, war es dunkel, aber so viel konnte ich erkennen: Das Haus und die Gegend und der Rasen waren langweilig.

 

Mum wollte, dass ich dass ich mir alles ansah, aber ich hatte keine Lust, gekünstelt ah und oh zu rufen und ging mit meiner Luftmatratze nach oben in „mein“ Zimmer. Ich warf das Bettzeug auf den Boden, ließ mich in meinen Klamotten darauf fallen und drehte ich mich auf den Rücken, um endlich mein Level abzuschließen. Aber dann ließ ich das Handy sinken und starrte nach oben: Da war ein winziges Dachfenster, und über mir hingen die Sterne wie eine umgedrehte Straße in New York.